Wien im Ersten Weltkrieg

WK_1_Titelbild2014 jährt sich die Auslösung des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal. Der Umstand, dass man schon kurz nach Kriegsbeginn zur Bezeichnung „Weltkrieg“ griff, zeigte, dass man sich der ungeheuren Dimensionen dieser Auseinandersetzung bewusst war, die man mit Metaphern wie „Völkerringen“ und „Weltenbrand“ propagandistisch zu beschreiben versuchte. Am Ende des Krieges hatten drei Kaiserreiche aufgehört zu bestehen, an seinen Folgen ging wenig später auch das Osmanische Reich zugrunde. An vielen Orten wurden die militärischen Kämpfe auch nach dem offiziellen Ende des Kriegs unter anderen Vorzeichen weitergeführt. Neue, nationalistisch und/oder ideologisch geprägte Gruppierungen griffen nach der Macht. Der Versuch, demokratische Systeme zu etablieren, war unterschiedlich erfolgreich. Letztendlich kann man den Zweiten Weltkrieg als Konsequenz aus den mehr oder weniger misslungenen Bestimmungen der so genannten Friedensverträge am Ende des Ersten betrachten, manche 1918 „eingefrorenen“ Konflikte wurden in den Balkankriegen und beim Auseinanderbrechen der Sowjetunion in den 1990er Jahren neu ausgetragen.

Fast viereinhalb Jahre Krieg hatten auch Wien komplett verwandelt. Das Lebensgefühl und der triste Hungeralltag seiner Einwohner machte die einst glanzvolle Metropole eines Großreiches, in der der Kaiser eines Imperiums von 53 Millionen Einwohnern residierte, zum „Epizentrum des Zusammenbruchs“. Keine große europäische Stadt erlebte eine Metamorphose ähnlicher Art. Wien wurde zur „Versuchsstation des Weltuntergangs“ (Karl Kraus). Der erste große industrielle Krieg löste die Grenzen zwischen der militärischen und der zivilen Sphäre auf und erfasste alle Lebensbereiche auch im Hinterland. Alle waren aufgerufen, „Opfer“ zu bringen, jeder einzelne sollte seinen Beitrag zum Krieg leisten, alle öffentlichen Institutionen, ob Schulen, Garnisonen, Kirchen oder Zeitungen, appellierten an die Gefühle von Bürgerpflicht und Volksgemeinschaft. Die Aufforderungen zum „Durchhalten“ kamen allerdings dort an eine Grenze, wo Unterernährung und Epidemien jedem Glauben an den Krieg Einhalt boten. Der Krieg verschob sukzessive die Parameter der Friedenszeit und unterwarf die Bürger einer zentral gesteuerten Zwangsordnung. Niemand konnte behaupten, dass das Kriegsgeschehen nicht massiv auf sein Leben Einfluss genommen hätte. Gleichzeitig erwiesen sich viele aus der Not entsprungene Veränderungen als dauerhaft, stellten traditionelle Normen in Frage und ebneten den Weg zu tiefgreifenden (sozial)politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen. „Wien im Ersten Weltkrieg“ wurde so zum Spiegelbild eines revolutionären Umbruchs vom „alten“ in das „neue“ Europa. WK1_Greiner_Glocken_Leopoldskirche

Der hohe Stellenwert, den die Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert einnahm, erweckte bereits zu Beginn des 1. Weltkriegs das Bedürfnis der Zeitzeugen, die damals bereits als „historisch bedeutend“ bewertete Zeit ausführlich zu dokumentieren. Erste Rückschauen auf den Krieg setzten schon ein, als die Kämpfe und das Töten noch nicht einmal zu Ende waren. Nach 1918 divergierte die Betrachtung von „Siegern“ und „Verlierern“, der anfangs im Mittelpunkt stehenden Militärgeschichte folgten vor allem in den 1970er Jahren eine geänderte Perspektive mit einem Schwerpunkt auf großen sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Ein neuerlicher Paradigmenwechsel mit dem aufkommenden Interesse an Alltags- und Mentalitätsgeschichte bewirkte die Suche nach neuen Quellen, geänderte Fragestellungen ergaben neue Befunde. In den letzten Jahren verdrängte bei uns die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus die Ereignisse von 1914 bis 1918 nicht nur aus dem Blick der österreichischen Forschung, sondern mit Aussterben der Zeitzeugen auch aus dem kollektiven Gedächtnis. 

Daher ist es notwendig, die Auswirkungen des Krieges auf das Leben in der Stadt in seinen verschiedenen Facetten auf wissenschaftlicher Grundlage neu zu betrachten und zu bewerten. Auf Grund der Größe eines solchen Projekts konnte nur die Zusammenarbeit mehrerer Stellen zielführend erscheinen. Wir freuen uns, dass eine Kooperation zwischen dem Wiener Stadt- und Landesarchiv, der Wienbibliothek im Rathaus und dem Verein für Geschichte der Stadt Wien es möglich machte, den vorliegenden Band herauszugeben.

Unser Dank gilt allen Autorinnen und Autoren, vor allem aber den beiden Herausgebern Alfred Pfoser (Wienbibliothek) und Andreas Weigl (Wiener Stadt- und Landesarchiv und Verein für Geschichte der Stadt Wien) sowie den Lektorinnen Susanne Claudine Pils (Verein für Geschichte der Stadt Wien) und Kerstin Krenn. Gerhard Murauer (Wienbibliothek) oblag die Bildrecherche, Gerhard Bauer (Perndl+Co design gmbh) ist die gelungene grafische Gestaltung des Bandes zu verdanken.

Im Epizentrum des Zusammenbruchs.
Wien im Ersten Weltkrieg.
Herausgegeben von Alfred Pfoser und Andreas Weigl.

Eine Publikation des Wiener Stadt- und Landesarchivs, der Wienbibliothek im Rathaus und des Vereins für Geschichte der Stadt Wien.